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news 08.12.2005

Microsoft preist Grundlagenforschung

Während immer mehr Firmen dazu übergehen, ihre Grundlagenforschung zu beschneiden, bleibt Microsoft in dieser Frage auf einem ganz anderen Kurs. Rick Rashid hatte 1991 die Microsoft-Forschungsabteilung nach dem Modell einer universitär organisierten Forschung konzipiert. Mittlerweile arbeiten rund 700 Mitarbeiter in fünf Labs weltweit nach diesem Prinzip. "Ich glaube nicht, dass wir da eine alte Schule vertreten, ich denke, dass wir die richtige Schule vertreten. Tatsächlich sehen wir eine wachsende Zahl von Unternehmen, die versuchen, dass was wir getan haben, zu emulieren", verteidigte Rashid nun im Gespräch mit Technology Review diesen Kurs.

Der Konzern veröffentlicht keine Zahlen zum konkreten Investment in seine weltweiten Forschungslaboratorien. Kritiker behaupten jedoch immer wieder, dieses Geld sei nicht rentabel angelegt. Zuletzt hatte das Wirtschaftsmagazin Economist gespottet, es sei symptomatisch für die schwache Innovationskraft des Konzernes, dass er den größten Erfolg der vergangenen Jahre mit der Xbox außerhalb seines eigentlichen Kerngeschäftes eingefahren habe. Am Rande des Microsoft TechFest in Brüssel sprach Technology Review mit dem Chef der Microsoft-Forschungsabteilung über Innovation, Grundlagenforschung und die Chancen Europas im internationalen Wettbewerb.


"Die richtige Schule"

Rick Rashid hat 1991 die Microsoft-Forschungsabteilung nach dem Modell einer universitär organisierten Forschung konzipiert. Nur die Freiheit im Wissenschaftsbetrieb zu veröffentlichen und zu diskutieren, so sein Credo, garantiere, dass man tatsächlich immer auf der Höhe der Zeit sei. Heute arbeiten rund 700 Mitarbeiter in fünf Labs weltweit nach diesem Prinzip. Am Rande des Microsoft TechFest in Brüssel sprach Technology Review mit dem Chef der Microsoft-Forschungsabteilung.

TR: Sie kennen wahrscheinlich den Economist. Die Kollegen haben in der aktuellen Nummer einen Artikel zur Xbox und der Innovationskraft von Microsoft. Darin heißt es unter anderem: "Eine gute Methode, um Microsoft-Angestellte zu nerven, ist es, sie nach Innovationen zu fragen, die aus dem großen Forschungsprogramm des Konzerns tatsächlich den Weg in Produkte gefunden haben". Was sagen Sie dazu?

Rick Rashid: Es fällt mir sehr leicht, diese Frage zu beantworten. Wir haben eine der besten Forschungsabteilungen in Sachen Computer Science in der Welt. Wenn Sie die führenden Konferenzen besuchen, sehen Sie, wie viele Aufsätze unsere Wissenschaftler dort veröffentlichen. In vielen Teildisziplinen führen wir die aktuelle Forschung an. Nehmen wir die Top-Konferenz zu Information Retrieval; dort haben wir 20 Prozent der Paper veröffentlicht. Oder schauen Sie auf die Computergrafik – die Siggraph. Wir schaffen eine große Menge an grundlegender wissenschaftlicher Erkenntnis in der Informatik – Sie brauchen sich nur unsere Publikationslisten anzusehen; sie brauchen sich da nicht allein auf meine Worte zu verlassen.

Was die Innovation angeht, da gibt es viele Dinge aus unseren Laboratorien, die wirklich die Art und Weise, wie wir über Software denken, verändert haben. In den vergangenen fünf Jahren haben wir beispielsweise Software entwickelt, die es uns erlaubt, Millionen Zeilen C- und C++- Quellcode automatisch zu überprüfen. Wir sind auf diesem Gebiet wirklich Pioniere. Wenn Sie bestimmte mathematische Eigenschaften Ihrer Software spezifizieren können, können wir mathematisch nachweisen, ob die Software diese Spezifikationen erfüllt. Man muss sie nicht mehr testen. Unsere Partner bringen eine Menge neuer Treiber für Windows auf den Markt. Die können nun viele der Eigenschaften ihrer Treiben mit Hilfe unsere Software beweisen, Sie müssen sie nicht mehr testen. Das macht Software sehr viel verlässlicher.

TR: Wenn Sie das mit der Forschungspolitk anderer großer Konzerne vergleichen – nehmen Sie IBM oder Xerox –, dann erscheint mir die Strategie von Microsoft beinahe altmodisch: größtmögliche akademische Freiheit zu garantieren, aber wenig darauf zu achten, wie das in Technologie umgesetzt wird.

Rick Rashid: Ich denke, man muss beides machen. Und ich glaube nicht, dass wir da eine alte Schule vertreten, ich denke, dass wir die richtige Schule vertreten. Tatsächlich sehen wir eine wachsende Zahl von Unternehmen, die versuchen, dass was wir getan haben, zu emulieren.

Man muss in wissenschaftlichen Zeitungen publizieren, das ist absolut notwendig, um erstklassige wissenschaftliche Forschung zu bekommen. Gleichzeitig legen wir großen Wert darauf, unsere Erkenntnisse schnell in Produkte zu integrieren. Ich meine, wir haben die Media Division 1993 gegründet und 1996 erste Produkte auf dieser Basis gehabt. Viele der grundlegenden technischen Arbeiten – sei es bei Audio oder Video – kommen aus unseren Laboratorien. Oder nehmen Sie den Tablet PC.

TR: Nehmen wir das Feld: Suche im Internet. Hat Microsoft das Potenzial, um ein Unternehmen wie Google zu übertrumpfen?

Rick Rashid: Wir haben sicherlich einige der Top-Leute im Information Retrieval. Wir arbeiten seit mehr als zehn Jahren auf diesem Gebiet. Sowohl was die Grundlagenforschung als auch die Arbeit an Systemen angeht, hat Microsoft meiner Meinung nach vielleicht die besten Ressourcen. Und wenn Sie sich vor Augen führen, wie wir auf diesem Gebiet im Bereich Geschäftskunden Fortschritte gemacht haben – das war viel schneller, als es viele Leute erwartet haben. Es gibt viele, die jetzt versuchen, mit Google oder Yahoo zu konkurrieren. Ich denke, dass Microsoft die besten Chancen hat, hier die Führung zu übernehmen.

TR: Es gibt Leute, die kritisieren die enge Zusammenarbeit von Unternehmen und Universitäten, weil sie befürchten, dass Firmen wie Microsoft zu großen Einfluss auf die Ausrichtung der Forschung bekommen. Wie stehen Sie zu dieser Kritik?

Rick Rashid: Ich denke, Sie müssen sich einfach die Geschichte unserer Zusammenarbeit mit Universitäten anschauen, um das zu widerlegen. Wir haben schon immer die Auffassung vertreten, dass man, wenn man exzellente Forschung haben will, den Forschern Freiheit geben muss. Man muss im Wesentlichen darauf vertrauen, dass die in dem Gebiet führenden Wissenschaftler auch wissen, was zu tun ist.

Ich denke, wenn Sie sich ansehen, was wir in unserer Zusammenarbeit mit Universitäten getan haben, werden Sie finden, dass wir die Forschung nicht beeinflusst haben. Außer, dass wir unser eigenes Wissen in den Forschungsprozess einfließen lassen. Ich denke, deswegen schätzen Universitäten die Zusammenarbeit mit uns. Sie sehen uns als Kollegen – ihnen ähnlich. Ich meine, mein Modell für den Aufbau der Microsoft-Forschungsabteilung war die universitäre Forschung.

TR: Eine letzte Frage: Wenn Sie die Situation in Europa und den USA vergleichen, was müsste getan werden, um die Forschung in Europa wettbewerbsfähiger zu machen?

Rick Rashid: Wenn Sie sich auf der Welt umsehen, sind die Zutaten für Innovation so ziemlich überall die selben. Man braucht unbedingt ein erstklassiges Erziehungssystem, und das Investment in Grundlagenforschung an den Universitäten ist extrem wichtig. Man braucht auch ein System, dass es den Menschen ermöglicht, neue Ideen und Technologien auf den Markt zu bringen, ein starkes Segment an Jung-Unternehmen, ein funktionierendes System zum Schutz von geistigen Eigentum. Alles in allem braucht man eine Kultur, die Innovation und neue Technologien belohnt.

Und auf meinen Reisen habe ich den Eindruck, dass viele Staaten das jetzt verstanden haben. Europa verfügt über den Vorteil sehr guter Universitäten und ein gutes Erziehungssystem. Viele der Elemente für erfolgreiche Innovation sind hier bereits vorhanden.

Interview: Wolfgang Stieler